Ganz ehrlich: Ich bin ein ziemlicher Neuling in der Welt der Lernenden oder anders gesagt, der "hütigen Jugend". Vor bildxzug habe ich mich in überwiegend älteren Kreisen bewegt. (Das Wort "Boomer" nehme ich bewusst nicht in den Mund.) Gerade in diesen Kreisen liest und hört man von der GenZ ja vieles. In punkto Arbeitsmoral vor allem viel Schlechtes: Die möchten am liebsten gar nicht mehr arbeiten, sind kaum belastbar und sowieso nur noch am Handy oder mit ihren Videölis auf Social Media beschäftigt. Aber so schlecht kann es um unsere Jugend nicht stehen, sonst gäbe es ja heute nichts zu feiern. Kurz gesagt, ich will mir selbst ein Bild machen.
Schon beim Eintrudeln der Lernenden am Veranstaltungsort - Meating Zug - bin ich verzaubert. Zuckersüss, wie sich alle herausgeputzt haben! Unter den Mädels gibt es regelrechte Ballkleider zu bestaunen und auch die Jungs haben ihre schönsten Hömmli hervorgekramt. Ein dunkelblaues, bodenlanges Kleid mit Rückenauschnitt hätte ich mir am liebsten für meinen anstehenden Hochzeitsmarathon ausgeliehen - meine Garderobe verfügt leider nicht über solche Prachtsexemplare. Die Stimmung war von Anfang an ausgelassen. Das kühle Bier und die feinen Snacks tragen mit dazu bei. Der offizielle Teil des Abends beginnt mit der Eröffnungsrede von Andrea, unserer Bereichsleiterin Berufsbildung. Ihre Analogie der Entwicklung vom Kokon zum Schmetterling, unterstrichen durch eine im Hintergrund laufende Bildershow der Lernenden, berührte die Herzen sämtlicher Anwesenden. Crazy, wie sich diese jungen Menschen in drei Jahren verändert haben!
Zeit zum Verdauen bleibt allerdings kaum. Denn gleich geht es spektakulär weiter: Lara, unsere KV-Lernende im ersten Lehrjahr, begeistert gemeinsam mit ihrer Freundin mit einer beeindruckenden Kunstradvorführung auf dem Asphaltplatz nebenan. Mit perfekter Balance zeigen die beiden anspruchsvolle Figuren, drehen elegante Pirouetten auf einem Rad und wechseln im Nu von einer Kunstübung zur nächsten. Der Höhepunkt folgt zum Schluss: Lara macht einen Kopfstand auf dem Sattel, während sich das Velo weiter im Kreis dreht, versteht sich. Die Zuschauer sind begeistert. Lara wurde übrigens vor wenigen Wochen Dritte an der Kunstrad-Europameisterschaft. Für alle, die sich noch immer nicht vorstellen können, worum es sich beim Kunstrad handelt, schaut in unsere Bildergalerie!
Völlig baff von der Akrobatik geht es zurück ins Restaurantareal, wo der nächste Programmpunkt auf mich wartet. Sarah*, eine abschliessende Lernende, ergreift das Mikrofon. Sie steht da in einem umwerfenden hellblauen Trägerkleid und beginnt mit ihrer Geschichte. Sarah erzählt in ruhiger Stimme, wie sie am Anfang ihrer Lehre mit einer Leukämie-Diagnose konfrontiert wurde. Sie erzählt uns von ihren schwersten Tagen, an denen ihr durch Chemo und Strahlung kaum Kraft für das Aufstehen aus dem Bett blieb. Tage, an denen sie sich nichts mehr gewünscht hätte, als einen stinknormalen Arbeitsalltag, über den sich ihre Gspändli so gerne beschwerten. Sarah schaffte es, die Krankheit zu besiegen und steht heute vor uns auf der Bühne voller Freude, Zuversicht und Dankbarkeit. Letztere unterstreicht sie ganz speziell. Die Krankheit hat ihr bewusst gemacht, wie oft wir unser eigentliches Glück von kleinen Dingen überschatten lassen, obwohl es uns eigentlich so gut geht. Trotz all dem erlebten Schmerz, der Angst und den schwierigen Momenten ist sie dankbar. Dankbar für die neu gewonnene Perspektive auf das Leben, die Wertschätzung kleiner Glücksmomente im Alltag und das Bewusstsein für all die Türen, die uns offen stehen, wenn wir gesund sind.
So jetzt reicht es langsam mit den Emotionen für heute, denke ich mir. Und ahne nicht, dass ich mit den Tränen noch nicht abgeschlossen habe. Es folgt ein gesanglicher Auftritt einer ehemaligen Lernenden. Mit ihrer Interpretation von "Wake me up" trifft sie direkt ins Herz. Und sorry, es geht nicht anders, schon wieder werden meine Augen feucht. Was für eine krasse Stimme! Merkt euch den Namen Dorentina Asimi, die würde ich sofort für meine Hochzeit buchen.
Der Abend geht weiter mit vielen Leckereien, noch mehr Fotos und Schwelgen in Erinnerungen. Zurück auf dem Weg zum Bahnhof bin auch ich vor allem eines: dankbar. Dankbar, dass ich bei diesem tollen Abend mit dabei sein durfte. Dankbar für den so ganz anderen Blick auf die Jugend von heute. Eine Jugend voller Talente, voll positiver Energie, Witz und Drive. Und dankbar für all unsere Partnerunternehmen, Berufs- und Praxisbildner:innen, die sich tagtäglich mit viel Herzblut dafür einsetzen, dass aus unseren Raupen Schmetterlinge werden, die uns in ihren unterschiedlichsten Farben verzaubern.
*Name geändert






